[Lpi-de] Desktop Zertifizierung

Reiner Brandt brandt at lpi-german.de
Mon Oct 11 06:34:37 EDT 2004


Hallo Torsten,

ich denke du triffst den Nagel auf den Kopf.

Insbesondere Erfahrungsberichte von Anwendern bei bereits durchgeführten 
Umstellungen auf  den Linux Desktop zeigen, dass man hier mit einer 
joborientierten Betrachtung von wichtigen täglichen Arbeitsschritten und 
deren Lösung auf einem Linux Desktop bei einer Zertifizierung dies als 
Hauptfokus berücksichtigen sollten.
Effiktivität ist mit das wichtigste am Arbeitplatz und wenn man 1 Tag 
für die Fertigstellung einer komplexen Berechnungstabelle benötigt, dies 
jedoch auch in 2-4 Stunden schaffen kann, ist dies ein Ziel, wo eine 
Linuxdesktopzertifizierung relativ schnell ein Nutzen für Unternehmen 
und Behörden, aber auch für die Akzeptanz des Linuxdesktops schaffen 
kann. Die Systematisierte Erlernung von wichtigen täglichen Tätigkeiten 
mit dem PC sind nach wie vor nicht immer eindeutig definiert und durch 
eine permanente Weiterentwicklung auch im stetigen Fluss. Ob man jetzt 
hier als Selbstlerner, E-learner, Blended Learner oder im klassichen 
Unterricht dies für sich entwickelt hat. Schnellstmöglich EINE Lösung zu 
finden, ist hier in der Praxis der primäre Anspruch und nicht die 
effektivste Lösung zu praktizieren.
Eine 1:1 Kopie eines MS Systems ist derzeit nicht verfügbar und sollte 
auch nicht als Ziel verfolgt werden und je nach bereits vorhandenen IT 
Wissen ist ein Umstieg oder Neueinstieg auf einen Linux Desktop mit 
zusätzlichen Wissensaufbau für einen Benutzer versehen. Man stellt immer 
wieder fest, dass der Systemadministrator und Netzwerkadministrator mit 
diesen oft einfachen Problemen des Desktop Benutzers nicht umgehen kann 
und/oder will.
Jedoch ist auch die Sekretärin und der Sachbearbeiter oft ein 
wesentliches Element, um eine solchen Umstieg oder Neueinstieg auf Linux 
erfolgreich zu gestalten. Wenn diese Akzeptanz nicht gefunden wird, 
scheitert ein solcher Umstieg an banalen Sachen, wie ich finde meine 
Datei nicht mehr, mein Drucker druckt nicht mehr wie früher, oder ich 
kann meine Serienbriefe nicht mehr drucken...

Hier könnte man eine wichtige Schnittstelle zwischen Entwicklern und 
Benutzern herstellen, um in nächster Zeit auch in der Weiterentwicklung 
der Produkte, die noch nicht vorhanden Lösungen zu erstellen und den 
Fokus auf die wichtigen Punkte für einen Linuxdesktop zu setzen.
Eine ECDL Zertifizierung, wird dies nicht leisten können und wollen. Oder???

Gruß

Reiner Brandt

Torsten Scheck wrote:

> Anselm Lingnau wrote:
> [... gute Argumentation, warum wir keine Kopie des ECDL benötigen ...]
>
>
> Es gibt ja seit zwei Jahren den Linux-ECDL[1]. Da wurde in einer 
> Hauruck-Aktion für den ECDL-Lehrplan[2] ein Linuxsystem definiert 
> (SuSE Linux 8.0, KDE 3, StarOffice 6), auf dem der Kandidat dann 
> getestet wird.
>
> [1] http://www.ecdl-linux.de/
> [2] http://www.ecdl-linux.de/dokumente/syllabus4.pdf
>
>
> Prinzipiell finde ich Teile des ECDL-Lehrplans ganz gut, denn sie sind 
> nicht produktbezogen. Es fehlt nur, warum die Ausführung des 
> jeweiligen Punktes wichtig ist, und ausdrückliche Generalisierung, 
> damit das Wissen mit verschiedenen gleichwertigen Programmen 
> angewendet werden kann. Als Ausgleich kann man vieles streichen, was 
> ein Anwender mit der Zeit ohnehin selbständig lernen wird.
>
> Beispiel:
>
> 7.5 Mit Nachrichten arbeiten
> 7.53 E-Mails senden
> 7.533 Eine Kopie (CC) oder eine Blindkopie (BCC) einer Nachricht
>       an weitere Adresse(n) schicken
>
> Mit solch einer Angabe werden sämtliche Prüfungsunterlagen 
> beschreiben, wie man in der Adresszeile die Listbox auf BCC stellt. 
> Die Lehrer werden den Schülern dies genauso vermitteln, und der Prüfer 
> wird zufrieden sein, wenn der Kandidat beim Stichwort "BCC" brav BCC 
> einstellt.
>
> Und danach wird der ECDL-Zertifizierte im Beruf bei sämtlichen 
> Marketing-Aktionen fleissig seinen gesamten Kundenstamm im TO seiner 
> Bulk-E-Mails verbreiten. Und er wird denken, dass "TO", "CC" und "BCC" 
> Spezialfunktionen von Outlook Express/KMail sind.
>
>
> [...]
>
>> Für die meisten Leute ist Grundlagenwissen über Computer und 
>> Betriebssysteme IMHO etwa genauso relevant wie Grundlagenwissen 
>> darüber, wie Fernseher, Handy oder Küchenmixer funktionieren (um mal 
>> für einen Moment von den Autovergleichen abzukommen), nämlich präzise 
>> gar nicht. Um erfolgreich Briefe schreiben, Budgets durchkalkulieren, 
>> im Web browsen und E-Mail verschicken zu können, muß man nicht 
>> wissen, was ein NAND-Gatter, eine Integer-Variable, eine Inode oder 
>> ein TCP-Segment sind (und das ist auch ganz gut so), 
>
>
> Ich meinte speziell das Grundlagenwissen für einen Endanwender. Nicht 
> Grundlagenwissen im Allgemeinen. Siehe unten.
>
> [...]
>
>> Und worin sollte die bitte bestehen, wenn nicht aus der 
>> »Maushandhabung« und auch nicht aus dem Herumreiten auf irrelevanten 
>> Implementierungsdetails? Was *sind* die »Grundlagen« von Linux, so 
>> wie sie für einen Nur-KDE-und-Office-Anwender von Bedeutung sind?
>
>
> Wenn man sich die häufigen Probleme von Endanwendern anschaut, dann 
> kommt man auf eine Menge Grundlagen-Wissenslücken bzw. Lernpotenzial:
>
> Wo sind meine erstellten Dateien?
>
> Wieso ist mein Rechner so langsam, wenn ich ein DIN A4-Foto mit der 
> beworbenen maximalen Auflösung scannen und bearbeiten möchte?
>
> Welche Programme sind installiert? Wie installiere ich weitere?
>
> Weshalb läuft mein "Data Beckers Weihnachtsdruckerei" nicht unter Linux?
>
> Ich habe die Hardware x und sie funktioniert nicht unter Linux.
> (Hier sollte der Endanwender nicht lernen, wie er die Hardware 
> installiert, sondern warum ein Treiber nicht existiert und dass es 
> unter Umständen sogar empfehlenswert ist, bei vorhandener Hardware das 
> mitgelieferte Betriebssystem zur Hardware Abstraktion zu benutzen, 
> aber nur Freie Software darauf einzusetzen.)
>
> etc.
>
> Und gerade im Bereich Textverarbeitung sollte das Wissen weg vom 
> Schreibmaschinen schreiben, hin zum strukturierten Erstellen gehen: 
> Format- und Bereichsvorlagen definieren und anwenden. Es muss klar 
> sein, dass für Geburtstagseinladungen andere Anforderungen und damit 
> Spezialprogramme oder eine andere Herangehensweise nötig sind.
>
> Der Unterschied zwischen einem Texteditor und einer Textverarbeitung 
> sollte klar sein.
>
> Auch Dateiformate, die Rolle von freien Standards und Langlebigkeit 
> von Daten sollte miteinbezogen werden.
>
> Insgesamt ist die Wahl des richtigen Werkzeugs bzw. Dateiformats zu 
> vermitteln. Da gibt es unzählige Negativ-Beispiele:
> * Listen mit 20 Punkten als Tabellenkalkulationsdatei
> * das Versenden als E-Mail-Anhang einer Powerpoint-Datei bestehend
>   aus einer JPG-Datei und einem erklärenden Satz
> * Archivieren von wichtigen Quelldaten in verlustbehafteten Formaten
>
>
> Es sollte also Wissen vermittelt werden, um Anwender mit Freier 
> Software  souverän ihre Arbeit erledigen zu lassen. Möglichst sogar 
> effizienter und überlegter als ECDL-Ansolventen mit MS Windows.
>
>
> All dieses Wissen kann zu einem großen Teil natürlich auch unter MS 
> Windows mit MS-Anwendungen angewandt werden. Hat es dann noch etwas 
> mit LPI zu tun? Ich glaube schon. Denn die Vermittlung dieses Wissens 
> sehe ich als Grundlage für die Akzeptanz Freier Software.
>
>
> Ziehe ich irgendwo falsche Schlüsse?
>
> Wäre eine Desktop-Zertifizierung in meinem Sinne überhaupt durchführbar?
>
> Gruß,
> Torsten
>


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Reiner Brandt
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