[Lpi-de] Desktop Zertifizierung
Anselm Lingnau
anselm.lingnau at linupfront.de
Mon Oct 11 12:53:22 EDT 2004
Am Montag, 11. Oktober 2004 16:46 schrieb Johannes Loxen:
> Die weiter unten angesetzten Fragen nach der richtigen Bedienung von
> Software sind Fragen der richtigen Auslastung von Ressourcen. Das kann man
> auch in einem Windows- oder MacOS-X-Kurs bringen und entspricht einem
> Computer-Führerschein.
Genau. Das Problem dabei ist, wie gesagt, daß das sinnvolle Beantworten
entsprechender Fragen bei den Anwendern minimales Denkvermögen voraussetzt.
Dieses ist aber in vielen Fällen nicht vorhanden, zugunsten einer »Ich weiß,
auf welches Bildchen ich klicken muß, und der ganze Rest interessiert mich
nicht, er ist sowieso so kompliziert und ich habe ja keine Ahnung von
Computern und will die auch nicht haben«-Mentalität. Solche Leute werden
extrem konsterniert, wenn das gewohnte Bildchen plötzlich zwei Plätze weiter
rechts steht und ein bißchen anders ausschaut, und beklagen sich über die
unerträgliche Unfreundlichkeit des betreffenden Computers.
> Zum Punkt: Nicht jeder Kurs, den man geben kann, muß mit einem
> LPI-Zertifikat gekrönt werden. Dem Personaler, dem ein LPIC2 bei seinem
> Admin einem Menge wert ist, sollte ein Linux-Anwender-Kurs-Nachweis für
> seine "normalen" Mitarbeiter reichen.
Ich denke auch, daß es nicht notwendigerweise ein Zertifikat braucht. Zumal
sich ja die Frage stellt, wie das geprüft werden soll. Multiple-Choice-Fragen
sind da vermutlich weniger als genial.
> Es wäre kontraproduktiv, nach der Aufteilung in Debian und Rest der Welt
> bei den Paketen nun auch noch eine Zertifikats-Diversifizierung in
> KDE/Gnome/IceWM/WorksformeWM zu bauen.
Die Aufteilung nach den Paketwerkzeugen ist IMHO immer noch halbwegs sinnvoll,
da es ja nicht mehr um »Debian und den Rest der Welt« geht. Die
dpkg/apt-basierten Distributionen sind (zumindest international) auf dem
Vormarsch, dank Knoppix, Xandros Desktop, Ubuntu, SkoleLinux, ..., und Debian
ist ja auch die Distribution der Wahl vieler Institutionen, die als
Endanwender »ihr eigenes« Linux aufbauen möchten, in Form einer Distribution
plus einem distributionsartigen Delta. Mußte ich als Debian-Projektmitglied
hier mal sagen ...
Ich bin nach wie vor der Ansicht, daß man auf dem Desktop nicht zwischen
KDE/Gnome/Windows/... differenzieren sollte, da die grundlegenden Operationen
in allen diesen Umgebungen im wesentlichen dieselben sind. Es gibt natürlich
Unterschiede im Detail, die aber zwischen den Linux-Distributionen (oder
Windows-Geschmacksrichtungen) so stark wechseln, daß man da, egal was man
macht, irgendwem auf die Füße treten wird, und die für den »gewöhnlichen«
Einsteiger ohne Belang sind. Der eine oder andere wird vielleicht irgendwann
lernen, wie man im Konqueror eine »fish://«-URL angeben kann und was da
passiert, aber das gehört nicht in einen Einsteigerkurs und auch nicht in
einen verbindlichen (am Ende sogar prüfbaren?) Wissenskanon.
Auch Themen wie »Warum druckt der Drucker nicht?« und »Wie installiere ich
Programm XY nach?« gehören nicht in so einen Kanon. Ersteres sollte durch
bessere Fehlermeldungen des Druckersubsystems erschlossen werden (»Papier ist
alle« oder »Drucker ist nicht erreichbar« statt stundenlanges Versauern von
Druckjobs in der Queue), da man kaum erwarten kann, daß normale Anwender die
Tiefen von CUPS debuggen können. Letzteres erfordert Root-Rechte und ist
schon deshalb keine Anwendersache. Dasselbe gilt für »Wie finde ich meine
Dateien?«. Die Oberflächen haben Suchwerkzeuge; für das Herumstöbern in
Verzeichnissen außer /home/benutzername besteht nicht wirklich Bedarf (naja,
vielleicht noch in /home/arbeitsgruppe), ebensowenig wie ein Windows-Anwender
wissen muß, was alles unter C:\WINDOWS zu finden ist. Aus »Der Anwender
braucht ja nicht bloß sein Heimatverzeichnis« zu folgern, daß er den
kompletten FHS kennen muß, ist stark übertrieben. Es wäre eher angebracht,
die entsprechenden Informationen so im System zur Verfügung zu stellen, daß
ein interessierter Benutzer sie bei Bedarf bequem (soll heißen, in seiner
Muttersprache und ohne langes Suchen im Web) konsultieren kann, als sie ihm
prophylaktisch ins Hirn zu stopfen wie einer Gans in die Leber. Aber das ist
natürlich ein mittelfristiges Ziel.
Ich rede hier wohlgemerkt über reine Anwender mit einem dedizierten (Vollzeit-
oder Teilzeit-)Administrator im Hintergrund, also Sekretäre,
Sachbearbeiterinnen und ähnliche Leute -- eben den Löwenanteil der
Computerbenutzer in Firmen oder Behörden --, nicht über einen Bäckermeister,
der (so gut wie) der einzige Computerbenutzer in seinem Betrieb ist und der
außerdem noch die Administration machen muß.
Es geht mir nicht darum, den Anwender künstlich dumm zu halten, indem man die
oben erwähnten Themen nicht unterrichtet; das Ziel sollte sein, ihm zunächst
mal das Werkzeug für seine tägliche Arbeit an die Hand zu geben und ansonsten
eine gesunde Neugier zu unterstützen, die ihn vielleicht dazu bringt, andere
Sachen auszuprobieren. Das Problem bei diesem hehren Ziel ist -- neben der
Tatsache, daß den meisten Anwendern das Konzept »Neugier« so fremd sein
dürfte wie einem Frosch die Integralrechnung -- natürlich, daß die heutigen
Linux-Systeme hierfür nicht wirklich geeignet sind (genausowenig wie die
heutigen Windows-Systeme), und daß bei den Herstellern dieser Systeme, wie
ich schon gestern schrieb, ein starker Druck besteht, daß das auch so bleibt
(von den Truthähnen darf man schließlich auch nicht erwarten, daß sie für
Weihnachten sind). Es ist also gut und schön, hier zu postulieren, wie die
Welt sein sollte; zumindest für die nächsten paar Jahre werden wir uns mit
der Welt herumschlagen müssen, so wie sie ist.
In diesem Sinne:
> Viel interessanter wäre es, sich den Aufbau einer zukünftigen
> Novell-Zertifikats-Landschaft anzusehen und dann zu überlegen, wie sich LPI
> demnächst "zwischen" Novell und Red Hat positionieren will. Das sind m.E.
> existenziellere Fragen ...
Sehr richtig. Novell hat es ja geschafft, im CLP-Whitepaper vom Juli die
Existenz des LPI völlig zu verschweigen und nur ins »Wir sind ja so viel
besser als Red Hat«-Horn zu tuten. Das LPI muß im Moment sehr aufpassen, daß
es als Maus von den wildgewordenen Elefanten im Stall nicht plattgewalzt
wird, denn zumindest Red Hat und Novell würden ihm wohl keine Träne
nachweinen ... sie würden dessen Ableben vermutlich nicht mal wirklich
bemerken.
Daß die Herrschaften von Novell es vermieden haben, dem Namen ihrer
Zertifizierung irgendwo noch ein »N« zu spendieren, und sich damit quasi als
die einzigen nennenswerten Linux-Zertifizierer aufspielen, spricht in diesem
Zusammenhang natürlich auch Bände.
Anselm
(meine private Meinung)
--
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