[Lpi-de] LPI-Foren

Anselm Lingnau anselm.lingnau at linupfront.de
Mon Dec 12 18:59:19 EST 2005


Taki schrieb (in Antwort auf Karl Schock):

> > (Ich wuerde mir eine - z.B. alle drei Monate - veroeffentlichte
> > Statistik
> > vom LPI wuenschen, die die Anzahl der Pruefungen nach Laendern, Leveln,
> > bestanden/nicht bestanden etc. auflistet.)
>
> Zum Zweck von was? (Reine Neugierde).

Also als Dozent in Vorbereitungskursen werde ich schon des öfteren nach Sachen 
gefragt wie »Wie viele Leute haben das Zertifikat, wie viele Prozent der 
Kandidaten fallen durch« usw. Das einzige, was man vom LPI hört, sind im 
Grunde zwei Zahlen: Die Anzahl der abgenommenen Prüfungen und die Anzahl der 
ausgegebenen Zertifikate, meistens ohne zeitliche Korrelation. Man kann 
daraus natürlich gewisse Schlüsse ziehen, aber etwas Definitiveres wäre schon 
hin und wieder schön. Es ließen sich ja auch gewisse Tendenzaussagen machen 
wie z. B. ist die Anzahl der LPI-Prüfungen seit der Einführung des Novell-CLP 
gestiegen, gesunken oder gleich geblieben?

Die wirklich interessante Frage ist natürlich, inwieweit die Prämisse des LPI 
»Knapp die Hälfte der Kandidaten fallen durch«, die implizit in der Annahme 
der Gaußschen Normalverteilung und der Normierung der Punktzahlen bzw. der 
Bestehensgrenze steckt, etwas mit der Wirklichkeit zu tun hat. Ich würde aus 
dem Bauch heraus vermuten, daß diese Zahlen dem LPI etwas zu brisant sind, um 
sie monatlich exakt zu veröffentlichen, und das der Grund für die relative 
Dürre statistischer Angaben ist; sie gehen an die Wurzel des 
Selbstverständnis des LPI und der psychometrischen Validierung der Fragen und 
müssen darum vorsichtig behandelt werden.

Wie war noch gleich der alte Scherz? »Steigerungsformen: Lüge, Meineid, 
Statistik.«

> > In den mir bekannten LPI-Foren und Mailinglisten tauchen die 100.000
> > praktisch nicht auf. Woran liegt das? Haben die keinen Beratungsbedarf,
> > keinen Kommunikationsbedarf, keine offenen Fragen? Braucht es also gar
> > kein Forum?

Man muß seine Fragen ja nicht notwendigerweise in einem »LPI-Forum« stellen. 
Viele Kandidaten schauen vielleicht in die Onlinedokumentation, ein Buch oder 
Google oder fragen in allgemeinen Linux-Mailinglisten, -Foren, -Newsgruppen 
oder auf LUG-Treffen. Oder sie nehmen an Kursen teil, wo sie sich 
untereinander und mit einem Instruktor austauschen können. Dadurch, daß das 
LPI keine bestimmte Vorbereitungsmethode vorschreibt, gibt es da sicher alle 
möglichen Variationen.

Ich zum Beispiel finde Web-Foren allgemein ziemlich unbequem und ärgerlich. 
Außerdem bin ich jemand, der seine Probleme eher durch eigene Recherchen z 
lösen versucht, als andere Leute damit zu behelligen; das geht in der Regel 
schneller und liefert auch verläßlichere Antworten. Während meiner 
LPIC-Vorbereitungszeit hat man mich also nicht in irgendwelchen Web-Foren 
angetroffen. (Eigentlich bestand meine LPIC-1-Vorbereitungszeit daraus, ein 
Buch über die LPIC-1-Vorbereitung zu schreiben, aber das steht auf einem 
anderen Blatt.)

> > Ich hatte mir ein vom LPI betriebenes Forum auch als Dienstleistung am
> > Kunden vorgestellt, um offene Fragen zu klaeren:

Die meisten dieser Fragen stehen, wie Taki erklärt hat, auf den LPI-Web-Seiten 
erklärt (wer lesen kann, ist wieder mal klar im Vorteil ...) oder lassen sich 
verläßlicher beantworten, indem man das LPI (ggf. German) direkt fragt. Ein 
Forum ist da nicht dringend nötig; allenfalls könnten die Leute, die vom LPI 
aus die Fragen beantworten, ein FAQ-Dokument zur Verfügung stellen.

> Aus http://www.lpi.org/de/certification.html :
>
> "Distributionsneutral, überprüft das Wissen auf jedem Standard Linuxsystem"
>
> Einfach die Lernziele genau durchlesen und lernen, Erfahrung sammeln, etc..

Hier haben wir wieder mal die Antwort strikt nach der Bibel/den Schriften des 
Vorsitzenden Mao/... -- linientreu, aber ohne Realitätskontakt. Fakt ist, daß 
viele der heute populären Linux-Distributionen die Sachen, die in 
LPIC-Prüfungen abgefragt werden, gar nicht mehr oder nicht mehr in der Form, 
wie sie in der Prüfung vorkommen, enthalten. Wer sich heute zum Beispiel eine 
OpenSUSE installiert (nur um mal ein Beispiel zu nennen), muß sich schon 
große Mühe geben, um gewisse Dinge, die die Prüfung verlangt, überhaupt zu 
sehen zu bekommen.

Dieses Problem wurde hier und auf der internationalen Liste schon des öfteren 
diskutiert und ist wohl nur durch eine umfassende Aktualisierung der 
Prüfungsziele in den Griff zu bekommen; daran wird ja wohl auch gearbeitet. 
Bis das fertig ist, ist die Frage danach, welche Distribution noch 
»traditionell« genug bzw. dicht genug am »distributionsunabhängigen« 
platonischen Ideal-Linux dran ist, um für die Vorbereitung auf LPIC-Prüfungen 
tauglich zu sein, durchaus keine dumme und jedenfalls keine, die man mit 
einem Verweis aufs Evangelium ersticken sollte.

Was natürlich nicht heißt, daß man als Prüfungskandidat nicht auch eine Menge 
daran lernen kann, daß man sich eine aktuelle Distribution anschaut und mit 
einer altertümlichen vergleicht. Nur muß man halt nicht damit rechnen, genau 
diese Sachen in der Prüfung gefragt zu werden.

> > Wollen sie nur das Zertifikat und zwar moeglichst einfach, weil es
> > ohne Zertifikat keinen Arbeitsplatz gibt? Interessieren sie sich
> > nicht fuer die Inhalte? Wollen sie Linux nicht kennen und beherrschen?
> >
> > Ich glaube es nicht.
>
> Ich auch nicht aber woraus beziehst Du Deine Erkenntnis, dass sie so sind?

Unserer Erfahrung nach gibt es sowohl die Interessierten als auch diejenigen, 
die das Zertifikat nicht als Eintrittskarte in eine geniale Community und 
Gelegenheit, das eigene Können zu beweisen, sehen, sondern als mit dem 
minimalen Aufwand abzuhakende Hürde. Letztere maulen im Kurs rum, wenn sie 
Sachen über Linux lernen sollen (vor allem solche, die nicht unmittelbar und 
offensichtlich prüfungsrelevant sind) und wollen lieber Braindumps pauken 
oder nach Hause gehen (im Falle von SGB-III-Maßnahmen; sie müssen aber 
bleiben, sonst wird ihnen die Stütze gekürzt). 

> Hm, das ist nicht ganz fair. Meine Argumente habe ich dargelegt und
> möchte sie nicht wiederholen, aber wenn ein Bedarf in der Gemeinschaft
> besteht, dann was ist es für eine Gemeinschaft die sich nicht selbst
> helfen kann?

Wir haben auf der einen Seite Leute wie Karl, die die Prüfung machen wollen 
und dabei auf Hilfe oder Austausch mit Gleichgesinnten hoffen. Auf der 
anderen Seite gibt es diejenigen, die die Prüfung schon haben und damit zu 
denen gehören, deren Wissen Karl & Co. gerne anzapfen möchten. Für letztere 
gibt es aber außer Altruismus und zuviel Zeit keinen zwingenden Grund, sich 
in einem »LPI-Forum« zu engagieren, und beides sind Motivationsfaktoren, die 
dieser Tage doch ziemlich dünn gesät sein dürften. Karls Wunsch nach einem 
offiziellen »LPI-Forum« mit kompetenten und freundlichen Administratoren und 
hilfsbereiten erfahrenen Benutzern, die darauf brennen, auch die einfachste 
und zum zehnten Mal in zwei Wochen sich wiederholende Frage eines Kandidaten 
ausführlich und liebenswürdig zu beantworten, ist darum nichts anderes als 
der Wunsch nach einem Utopia, einem Wolkenkuckucksheim, das einfach an den 
Realitäten scheitern wird.

Was nicht schlimm ist, denn so ein Forum würde überhaupt nicht gebraucht, wenn 
die Kandidaten, statt sich darauf zu verlassen, daß irgendwer im Forum schon 
irgendwas zu sagen haben wird, selber mal ein bißchen die Initiative 
ergreifen würden. Statt zu fragen »X macht Y und nicht Z, warum?« ist es 
allemal besser, zu fragen »Ich habe hier Version R von X, und es passiert Y, 
obwohl IMHO in der Dokumentation auf Seite N steht, daß eigentlich Z 
passieren müßte. Ich habe schon F, G und H angeschaut/ausprobiert, aber werde 
daraus nicht wirklich schlau. Letzte Woche hat jemand etwas Ähnliches 
gefragt, aber das trifft auf meine Situation vermutlich nicht zu, weil Q. Was 
ist hier los?« Denn diese Sorte Frage erhöht nicht nur die Chance auf eine 
korrekte Antwort einerseits dadurch, daß sie mehr Details enthält, und 
andererseits dadurch, daß sie den Eindruck erweckt, der Fragesteller hätte 
schon seine Hausaufgaben gemacht, sondern die Chancen stehen auch gut, daß 
der Fragesteller bei der entsprechenden *Vorbereitung* der Frage selber auf 
die richtige Lösung stößt (und selbst falls das nicht passiert, lernt man 
dabei doch zumeist alles mögliche andere Interessante). Diese Überlegungen 
gelten natürlich nicht nur für ein hypothetisches »LPI-Forum«, sondern für 
Foren und Mailinglisten überhaupt, und es gibt absolut keinen Grund, warum 
man die Fragen, die nach dieser Vorbereitung noch übrig bleiben, nicht auch 
in ein allgemeines Linux-Forum posten sollte. Denn dort finden sich 
tendenziell mehr erfahrene Leute, die eine Antwort liefern können, als in 
einem »LPI-Forum«, wo höchstens ein paar von ihnen die Stellung halten.

Das fundamentale Problem ist demnach nicht die Abwesenheit guter »LPI-Foren«, 
sondern die mangelnde Bereitschaft vieler Linux-Benutzer, im weitesten Sinne 
RTFM zu machen, zugunsten einer Mentalität des »Man reiche mir die Antworten 
auf meine einfachen Fragen auf einem silbernen Tablett, und das gefälligst 
kostenlos, prompt und freundlich, egal wie offensichtlich die Antworten sind 
und wann die Frage das letzte Mal gestellt wurde«. Linux ist ein 
Betriebssystem, das in dem Sinne egalitär ist, daß grundsätzlich jeder in der 
Lage ist, sich selbst jede Frage in Eigenregie zu beantworten, und zwar in 
letzter Instanz auf der Basis von Sachen, die er selber schon auf der 
Festplatte hat oder zumindest relativ unproblematisch besorgen kann. Die 
wenigsten von uns werden das mit haarigen Kernel-Problemen schaffen (ich 
sicher nicht), aber das ist kein Grund, es nicht einmal mit den einfacher 
aussehenden Fragen zu probieren. Eine kleine Horizont-Erweiterung hat noch 
niemandem geschadet.

> BTW: Viele Fragen ließen sich, wie leider sehr häufig, schnell
> beantworten wenn man ab und an bei www.lpi.org oder www.lpi-german.de
> reinschauen würde oder wenn dort keine Antwort zu finden ist eine Email
> an info at lpi.org schickt. So können neue FAQs entstehen die dann allen
> anderen auch zu Gute kommen.

Hört, hört.

Anselm

(Dies ist meine persönliche Meinung und nicht die der Linup Front GmbH.)
-- 
Anselm Lingnau ... Linup Front GmbH ... Linux-, Open-Source- & Netz-Schulungen
Linup Front GmbH, Postfach 100121, 64201 Darmstadt, Germany
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